Der Schriftsteller Robert Schneider traf sich mit Pianistin Hanna Bachmann in deren Vorarlberger Heimatgemeinde Röthis. Kronenzeitung, 19.10.2025
Der Chef der Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko, ist von ihrem Spiel begeistert und nennt sie eine „gereifte Persönlichkeit am Klavier“. Die 1993 geborene Pianistin Hanna Bachmann aus Röthis hat bereits eine kleine Weltkarriere hinter sich. Tourneen durch die USA, nach Mexiko, Kanada, Israel und Saudi-Arabien hat sie absolviert. In den erlesensten Musiktempeln war sie zu Gast, im Wiener Musikverein, im Beethovenhaus in Bonn, in der Berliner Philharmonie. Mit ihrer zauberhaften Einspielung von Beethovens „Diabelli-Variationen“ im Jahr 2018 hat sie großes Aufsehen erregt. Ein besonderes Anliegen ist ihr, selten gespielte Klavierliteratur und ungewöhnliche Konzertprogramme zu präsentieren.
Ihrer Heimat ist sie, die heute in Wien lebt, immer treu geblieben. In Röthis hat Hanna Bachmann nämlich eine Konzertreihe etabliert, wo sie ganz frei ihre Musik jenseits der ausgetretenen Pfade zu Gehör bringt. Das „Röthner Schlössle“ ist quasi ihr persönliches Laboratorium geworden. Dort probiert sie aus, was dann in den großen Konzertsälen reüssieren könnte. Im Café „SeeYou“ in Röthis treffen wir uns zum Gespräch. Es liegt nur einige Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Bei Linzertorte und Kaffee finde ich heraus, dass uns beide – abgesehen von der Liebe zur Musik – noch etwas verbindet. Hannas Großvater betrieb nämlich ein Kühlhaus. Als Bub war ich oft dort. Das war die Zeit, als es noch keine Gefriertruhen gab. Bei den Bachmanns hatte mein Vater ein Tiefkühlfach, und von Zeit zu Zeit zuckelte ich mit ihm nach Röthis, um Fleisch abzuholen. In Vorarlberg kommt über Umwege doch immer wieder alles zusammen.
Hanna, wie kamst du zur Musik?
Meine Mama und meine Gotta haben als Kind Handorgel gespielt, aber die Mama hat sich immer ein Klavier gewünscht. Ein Klavier war aber nicht drin, also sparte die Mama darauf. Mit einem Zuschuss vom Opa konnte sie sich dann endlich ein Klavier leisten und auch Unterricht nehmen. Ich war damals vielleicht fünf Jahre alt und völlig fasziniert von diesem Instrument.
Das waren meine Buben auch. Begeistert vom Draufhämmern und Krachmachen. Der Klavierstimmer war oft bei mir. Wollte man aus dir ein Wunderkind machen?
Überhaupt nicht! Eine gewisse musikalische Grundbildung war meinen Eltern schon wichtig. Wenn es mir aber nicht gefallen hätte, hätten sie niemals Druck gemacht. Nein, ich wollte unbedingt Klavier spielen. Immer hieß es, ich sei noch zu klein. Aber ich ließ einfach nicht locker, bis ich endlich eine halbe Stunde pro Woche Klavierunterricht bekam. Ich habe so wahnsinnig gern geübt.
Da muss ich einhaken! Üben? Wahnsinnig gern? Du flunkerst mich nicht an, oder?
Voll! Nein, Spaß beiseite. Gerade während der Corona-Zeit habe ich gemerkt, dass ich ein Ziel brauche, das ich mir selber stecke. Für mich ist Üben fast so etwas wie Meditation. Oft gibt mir das Üben mehr als ein Konzertauftritt. Ich freue mich natürlich über den Applaus und über positive oder auch kritische Rückmeldungen, aber beim Üben bin ich eben ganz bei mir selbst.
Eine pianistische Solokarriere verlangt unglaubliche Selbstdisziplin. Woher nimmst du die?
Die habe ich bestimmt von meinen Eltern mitbekommen. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Du warst eine der jüngsten Studierenden in der Klasse Ferenc Bognár am Landeskonservatorium. Er hat ja nur die Besten der Besten genommen. Wie war der Unterricht?
Sehr inspirierend und motivierend. Ich habe immer geschaut, was die anderen so an Literatur spielen. Das wollte ich unbedingt auch können. Ein Studienkollege übte damals gerade an der „Waldsteinsonate“ von Beethoven…
… und da hat sich die kleine Hanna in den Kopf gesetzt: Die will ich auch spielen!
Genau so war es. Ich glaube, ich war sicherlich sehr anstrengend, manchmal auch überrumpelnd. Ich habe ihn immer gesiezt. Als er mir eines Tages auf einer Konzertreise durch Ungarn das Du anbot, war das wie ein Ritterschlag, eine sehr große Ehre für mich.
Du hast bei Florian Krumpöck in Wien und am Mozarteum in Salzburg bei Pavel Giliov studiert. Wie haben dich diese Lehrpersönlichkeiten geprägt?
Schon während der Oberstufe bin ich zu Florian Krumpöck nach Wien gependelt. Ich erinnere mich. Er sagte: „Am meisten lernst du bei den Sachen, die zu schwer für dich sind.“ Das ist natürlich eine Gratwanderung. Ich habe immer die Herausforderung gesucht, und gegen Ende des Studiums wollte ich unbedingt die „Diabelli-Variationen“ von Beethoven spielen. Pavel Gililov war sehr zögerlich und meinte, die seien doch so riesig, ein ungemein komplexes Werk und ein großer Kraftakt dazu. Ich hatte die Variationen aber über den Sommer schon einstudiert, legte die Noten auf und habe ihm das Stück dann vorgespielt.
Die „Diabelli-Variationen“ hast du auch für das Label Gramola aufgenommen. Was fasziniert dich so an diesem Werk?
Das ist einfach ein total cooles Stück und unglaublich humorvoll. Je länger man sich damit beschäftigt, umso mehr Details findet man darin. Ich habe darüber auch meine Abschlussarbeit geschrieben und sie beim Absolventenkonzert gespielt.
Gibt es so etwas wie den unverkennbaren Hanna-Bachmann-Sound?
Das ist schwer zu beantworten. Ich glaube nicht, dass es darumgeht, um jeden Preis originell zu sein. Ich komme mehr von der analytischen Seite. Im Konzert versuche ich, die Kritikerin in mir auszuschalten und innerlich zu singen.
Vielen Dank, Hanna, und jetzt schauen wir uns das ehemalige Tiefkühlhaus deines Großvaters an!
Sehr gern!
